BRC092 Gesellschaftlichen Zusammenhalt erforschen – Ein Zwischenfazit

Der Soziologe und Medienforscher Jan-Hinrik Schmidt leitet seit vier Jahren den Standort Hamburg des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt, das kurz vor seiner zweiten Förderphase steht. Im BredowCast zieht er ein Fazit der ersten vier Projektjahre. 

Am Anfang war die Frage: Was ist überhaupt dieser sogenannte „gesellschaftliche Zusammenhalt“? Und wie kann man ihn messen? Dass gesellschaftlicher Zusammenhalt heutzutage weniger mit geteilten Werten und Lebensstilen zu tun habe, war für Jan-Hinrik Schmidt schon beim Start des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) klar. Dazu sei unsere Gesellschaft zu heterogen geworden. Wichtiger für die Definition und Messbarkeit des Zusammenhalts sei die Art und Weise, wie eine Gesellschaft Konflikte austrage.

Auch heute, nach vier Jahren Forschung zum Thema, sieht Jan-Hinrik Schmidt die Lage ähnlich. Allerdings würde er heute stärker hervorheben, dass es weniger um Zusammenhalt als Zustand gehe, den es zu erforschen und messen gelte, „sondern um den Prozess, in dem Zusammenhalt immer wieder gestärkt und geschwächt wird.“ 

Rolle der Medien für den gesellschaftlichen Zusammenhalt 

Das FGZ steht kurz vor seiner zweiten fünfjährigen Förderphase durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung. 2020 wurde es als dezentrales Institut auf elf Standorte in ganz Deutschland verteilt gegründet. Am Leibniz-Institut für Medienforschung ist der Standort Hamburg angesiedelt. Er erforscht die Rolle der Medien bei der Herausbildung sowie Gefährdung gesellschaftlichen Zusammenhalts.  

Vier Teilprojekte untersuchten den Einfluss der Mediennutzung auf gesellschaftlichen Zusammenhalt, die Integrationsaufgabe öffentlich-rechtlicher Medien sowie die Rolle der Journalismus-Publikums-Beziehung für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Ein weiteres Projekt widmete sich dem Aufbau einer technischen Infrastruktur für systematische Forschung mit Social-Media-Daten, eine Art Unterstützungsleistung für das gesamte FGZ. In all diesen Projekten war der Transfer zentral. Wie die Forschung an die Leute gebracht werden kann, wurde in den Projekten immer von Anfang an mitgedacht. 

Zweite Förderphase 

In den kommenden fünf Forschungsjahren soll am FGZ Standort Hamburg mehr Teilprojekte geben, voraussichtlich 7 bis 8, die zu drei Arbeitsschwerpunkten gebündelt werden. Thematisch wird über allen Teilprojekten diesmal die Frage nach der Verständigung stehen. Wie verständigt sich die deutsche Gesellschaft über sich selbst? Und welche Rolle spielen Medien dabei? 

Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist aktuell häufig Thema in öffentlichen Debatten. „Oft wird das Bild vermittelt, unsere Gesellschaft sei gespaltener, als sie tatsächlich ist“, sagt Jan-Hinrik Schmidt. Zwar gibt es kleine Teile der Gesellschaft, die das Vertrauen in öffentliche Institutionen und die Politik verloren haben, die eine andere Gesellschaft wollen und vielleicht sogar autoritäre Vorstellungen haben. Wichtig werde sein, diese Stimmung in der öffentlichen Debatte ernst zu nehmen, ihr aber wissenschaftliche Fakten entgegenzusetzen, und darauf hinzuweisen, dass es sich eben nur um einen kleinen Teil handelt. In solchen Kontexten kann das FGZ mit seiner wissenschaftlichen Expertise Klarheit schaffen. 

Links 

FGZ-Projekte aus Förderphase 1 

 Verwandte Podcast-Episoden

PD Dr. Jan-Hinrik Schmitt

Johanna Sebauer

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BRC091 Schulfunk und Schulfernsehn

Der Medienhistoriker Maximilian Brockhaus spricht in unserem Podcast über das mittlerweile historische Medienformat des Schulradios und Schulfernsehens in Österreich.

Dass man die neue Medientechnik Radio auch für Bildungszwecke nutzen konnte, war den Rundfunkmachern bald klar. Bereits wenige Jahre nach Sendestart in Österreich im Jahr 1924 erprobte die österreichische Radio-Verkehrs-AG (RAVAG) testweise den sogenannten landwirtschaftlichen Schulfunk. Er richtete sich dezidiert an Schüler*innen landwirtschaftlicher Schulen und bot Sendungen über die „Verwertung der Kartoffel in der Landwirtschaft“ oder Reportagen über „Bauernwirtschaft in Dänemark“. Ein Testlauf für den eigentlichen Schulfunk, der 1932 in Schulen in ganz Österreich startete.

Beleben und bereichern

„Die Idee war, den Schüler*innen etwas zu bieten, das die üblichen Darstellungsmittel im Klassenzimmer nicht leisten konnte“, sagt Maximilian Brockhaus, der am Institut für Zeitgeschichte an der Universität Wien zu diesem Thema promoviert und von Oktober 2023 bis Januar 2024 Gastforscher am HBI war. „Das Radio sollte den Unterricht beleben und bereichern. Besonders punkten konnte die neue Technik im Musikunterricht oder im Fremdsprachenunterricht, wenn die Schüler*innen übers Radio plötzlich Muttersprachlern zuhören konnten.“

In der Programmzeitschrift „Radio Wien“ wurde regelmäßig über das Schulfunk-Programm informiert, sodass die Lehrkräfte ihren Unterricht darum herum organisieren konnten. Lief eine Sendung, die die Schüler*innen hören sollten, versammelten sich alle um ein Hörgerät, entweder in der eigenen Klasse oder in einem eigens dafür eingerichteten Raum, und lauschten.

Skepsis gegenüber neuer Technik

Nicht alle waren sofort von der neuen Technik begeistert. Einem Leserbrief an die Programmzeitschrift konnte Maximilian Brockhaus entnehmen, dass sich eine Lehrkraft über den „disruptiven Charakter des Schulfunks“ empörte, dieser würde das „innige und geistliche Verhältnis“ zwischen Klasse und Lehrkraft stören.

Eine kritische Haltung gegenüber neuer Medientechnik zieht sich durch die Mediengeschichte und lässt sich auch heute beobachten. „Aktuell erleben wir eine ähnliche Skepsis, wenn es um den Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Unterricht geht”, sagt Maximilian Brockhaus.

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Maximilian Brockhaus

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BRC090 Sexting im Strafrecht

Das Verschicken selbst erstellter sexueller Inhalte kann für Jugendliche rechtliche Folgen haben. Auch dann, wenn es im Einvernehmen geschieht. Die Medienjurist*innen Sünje Andresen und Stephan Dreyer klären auf.

Sexting, also der konsensuale Austausch intimer Selfies, kann je nach Alter strafrechtlich relevant sein. Erhält eine unter 18-jährige Person von einer anderen unter 18-jährigen ein freizügiges Bild und löscht dieses nach Kenntnis nicht sofort, kann der Tatbestand der Jugendpornographie erfüllt sein (§ 184c StGB). Ist die Person, die das freizügige Bild erstellt und verschickt, unter 14 Jahre alt, muss wegen Kinderpornographie (§ 184b StGB) ermittelt werden.  

Der Vorwurf der Sexualstraftat wiegt schwer. Eine Strafermittlung kann stigmatisierend sein und gravierende Folgen für Jugendliche haben. Der Gesetzgeber hat dies den letzten Jahren verschärft. 

Verschärfung mit ungewollten Folgen 

Als Reaktion auf eine Reihe grausamer Missbrauchsskandale hat der Gesetzgeber im Juni 2021 den Kinderpornographie-Paragraphen, §184b StGB, verschärft. Verbreitung, Erwerb und Besitz von kinderpornographischen Inhalten wurden hochgestuft von einem Vergehen auf ein Verbrechen. Das bedeutet, dass das Delikt nunmehr mit mindestens einem Jahr Freiheitsstrafe zu bestrafen ist. Grausame Taten, wie dokumentierten Kindesmissbrauch, mit hohen Strafen zu belegen, ist mehr als schlüssig. Die Gesetzesverschärfung hat aber auch eine Reihe skurriler Folgen. 

Wohlmeinende Eltern oder Lehrkräfte, die – in bester Absicht handelnd – Beweise sammelten und mit entsprechendem Material auf dem Handy zur Polizei gingen, wurden plötzlich zum Fall für die Justiz. Denn auch sie waren ja im Besitz von Kinderpornographie. „Bei einem Verbrechen kann, im Gegensatz zu einem Vergehen, der Prozess nicht wegen Nichtigkeit eingestellt werden“, erklärt Sünje Andresen. Solche „Nicht-Fälle“ gibt es seit der Verschärfung viele. 

Sexualität findet auch digital statt 

„Die polizeiliche Kriminalstatistik von 2023 zeigt, dass knapp die Hälfte aller Tatverdächtigen unter 21 Jahre alt war, davon waren wiederum knapp 30% sogar unter 14“, sagt Sünje Andresen. „Ich will nicht abstreiten, dass auch junge Menschen Täter sein können. Aber in diese Statistik fallen auch jene, die nicht dem Profil des pädo-kriminellen Straftäters entsprechen, den wir eigentlich im Blick haben sollten, sondern hier geht es auch um junge Menschen, die ihre Sexualität entdecken.“ Ist der Fall erst einmal erfasst, müssen Ermittler*innen, Staatsanwält*innen und Richter*innen sich damit beschäftigen. Das frisst viel Zeit und Ressourcen, die benötigt würden, um schwere Fälle von dokumentiertem Missbrauch zu verfolgen. 

Stephan Dreyer ärgert sich, dass der Diskurs zu diesem Thema aktuell darum kreist, wie Kinder und Jugendliche einer Strafe entgehen, wenn sie einvernehmlich intime Inhalte austauschen. „Kinder und Jugendliche, die ihre Sexualität konsensual entdecken, sollten sich nicht davor fürchten, als Sexualstraftäter geahndet zu werden. Wie viele Lebensbereiche von Kindern und Jugendlichen wandert auch die Sexualität ins Digitale. Man sollte eher mit ihnen darüber reden, wie sie Sexting auf eine Weise betreiben, mit der sie sich wohlfühlen; dass sie es nur mit Menschen machen sollen, denen sie wirklich vertrauen, oder dass sie Nein sagen, wenn sie etwas nicht wollen.“ 

 

Links 

  • Stellungnahme von Sünje Andresen und Stephan Dreyer zur Anpassung der Mindeststrafen für Verbreitung, Erwerb und Besitz kinderpornographischer Inhalte (§ 184b Absatz 1 Satz 1 und Absatz 3 des Strafgesetzbuches). 
  • Artikel von Sünje Andresen und Stephan Dreyer zur strafrechtlichen Problematik konsensualen Sextings unter Beteiligung von jungen Menschen. 

Sünje Andresen 

Stephan Dreyer 

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BRC089 Wie läuft's im deutschen Journalismus?

Anna von Garmissen und Wiebke Loosen haben es in der weltweit größten Journalismus-Studie „Worlds of Journalism“ herausgefunden.

Der deutsche Durchschnittsjournalist ist männlich, 45,3 Jahre alt und hat einen akademischen Abschluss. Er arbeitet Vollzeit im Online- oder Printbereich einer Zeitung, fühlt sich oft gestresst und hat in letzter Zeit Beleidigungen im Internet und Herabwürdigung seiner Arbeit erlebt. So lässt sich in aller Kürze zusammenfassen, was die Journalismusforscherinnen Anna von Garmissen und Wiebke Loosen bislang über den Journalismus in Deutschland haben feststellen können.

1.221 in Deutschland arbeitende Journalist*innen haben sie zwischen September 2022 und Februar 2023 zu Arbeitsbedingungen, Rollenverständnissen, ethischen Haltungen sowie Gefahren und Herausforderungen für ihre Berufsgruppe befragt. Bevor die Befragung starten konnte, war eine Art Inventur notwendig, wie Anna von Garmissen berichtet: „Wir mussten zuerst herausfinden, wie viele Journalist*innen es überhaupt in Deutschland gibt und wo sie arbeiten“. Ein aufwendiger Rechercheprozess, der schließlich zur Schätzung von rund 40.000 Journalist*innen führte. Diese bildeten die Grundgesamtheit, aus der die Forscherinnen ein repräsentatives Sample abgeleitet haben.

Weiblicher und jünger

Die Studie ist eingebettet in den internationalen Forschungsverbund „Worlds of Journalims“, der den Zustand des Journalismus in mehr als 100 Ländern weltweit zum dritten Mal untersucht. Die beiden ersten Befragungswellen wurden von 2007 bis 2011 und von 2012 bis 2016 durchgeführt. Veränderungen werden nun sichtbar. „Wir sehen, dass der deutsche Journalismus über die Zeit ein bisschen weiblicher wird“, sagt Wiebke Loosen. „Der Frauenanteil ist von 40,1 Prozent im Jahr 2015 auf nun 44,0 Prozent angestiegen. Außerdem wird der Journalismus jünger.“

Alle an Worlds of Journalism teilnehmenden Teams folgen bei der Befragung einem gemeinsam erarbeiteten Leitfaden. Die internationale Koordination und Leitung liegt bei der LMU München. Die Teilstudie für Deutschland wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Neben Anna von Garmissen und Wiebke Loosen haben außerdem Elsa Bartelt und Tim van Olphen daran mitgearbeitet. Die in dieser Episode besprochenen ersten Ergebnisse sind in einem Arbeitspapier nachzulesen, das online open access verfügbar ist.

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Arbeitspapier

Anna von Garmissen

Prof. Dr. Wiebke Loosen

Johanna Sebauer

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BRC088 Mediensysteme in Nordwest-Europa

Barbara Thomaß und Volker Grassmuck über die Mediensysteme Nordwest-Europas

Die beiden HBI-Forscher*innen Volker Grassmuck und Barbara Thomaß haben an einem Sammelband mitgearbeitet, der auf Grundlage des berühmten Analysemodells von Hallin und Mancini („Comparing Media Systems“, 2004) die Mediensysteme Europas in Nord-, Nordwest, Ost- und Südeuropa untersucht. Das Kapitel von Barbara Thomas und Volker Grassmuck widmet sich dem nordwestlichen Europa (Irland, Vereinigtes Königreich, Belgien, Niederlande, Luxemburg, Deutschland und Österreich). Im BredowCast-Gespräch mit Johanna Sebauer beschreiben sie die Hauptmerkmale der Mediensysteme in dieser Region sowie gegenwärtige Trends und Herausforderungen.

„Demokratisch-korporatistisch“

Das von Hallin und Mancini entwickelte Modell sei immer noch zur Beschreibung der aktuellen Situation anwendbar, sagen die beiden. Hallin und Mancini hatten die Mediensysteme dieser Region dem „demokratisch-korporatistischen Modell“ zugeordnet, geprägt von der Koexistenz eines starken öffentlich-rechtlichen Rundfunks und privaten Rundfunkanbietern, vergleichsweise hohen Printauflagen, einer starken journalistischen Professionalisierung und einer mild ausgeprägten politischen Parallelität.

Plattformisierung als Herausforderung

Die größte Herausforderung für die Mediensysteme in dieser Region, aber auch für Europa als Ganzes, sehen Barbara Thomaß und Volker Grassmuck in der Digitalisierung und Plattformisierung mit der immer größer werdenden Verfügbarkeit von Medieninhalten auf privaten Digitalplattformen wie Netflix, Disney Plus und anderen. „All diese Plattformen sind amerikanisch. Europa büßt dadurch einerseits die Souveränität über seine Informationsinfrastruktur ein“, sagt Barbara Thomaß „Aber auch die europäischen Erzähltradition könnte ein wenig verloren gehen, wenn nur noch amerikanische Filme und Serien konsumiert werden.“

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BRC087 Mediensozialisation in der Langzeitstudie

Wie Kinder und Jugendliche in einem sich verändernden Medienumfeld aufwachsen und wie man Forschung über einen langen Zeitraum hinweg betreibt, erklären Paulina Domdey und Katrin Potzel am Beispiel ihrer Forschung zur Mediensozialisation. 

Das Projekt “Connected Kids” will herausfinden, wie sich das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen in einem sich rasant verändernden Medienumfeld über die Zeit entwickelt. Dazu begleitet ein Forscher*innen-Team von der Universität Nürnberg und dem Leibniz-Institut für Medienforschung seit 2018 über 30 Familien, besucht sie in regelmäßigen Abständen und hält den Status Quo der Mediennutzung fest.  

„Eine Forschungsfrage wie unsere lässt sich nur mit einer Langzeitstudie beantworten“, sagt Paulina Domdey vom HBI. „Mediensozialisation ist ein Prozess, und Prozesse sind eben nicht punktuell messbar, sondern nur über einen größeren Zeitraum hinweg.“  Auch die Rasanz, mit der sich die Medienwelt verändert, erfordert die wissenschaftliche Begleitung über eine lange Zeit hinweg. „Man bedenke, wie schnell das Thema ChatGPT plötzlich auftauchte. Um diese Veränderungen abbilden zu können, brauchen wir einen langen Forschungszeitraum und keine Momentaufnahme“, sagt Katrin Potzel von der Universität Nürnberg. 

Herausforderung Langzeitstudie 

Eine Langzeitstudie will gut vorbereitet sein. Vor Start der Ergebung rekrutierte das Forschungsteam über Plakataufrufe, Flyer und medienpädagogische Angebote insgesamt 32 Familien im Raum Nürnberg und Hamburg. Damit die Ergebnisse hinterher repräsentativ für die Gesamtbevölkerung sind, war wichtig, verschiedene demographische Faktoren abzubilden: ländlich sowie städtisch lebende Familien, unterschiedliche sozio-ökonomische Backgrounds, Patchwork-Familien, Familien mit Alleinerzieher*innen, etc.  

Diese 32 Familien über den Forschungszeitraum von mehreren Jahren bei der Stange zu halten sei eine der Herausforderungen, die eine Langzeitstudie mit sich bringe. „Panelpflege“ nennen Katrin Potzel und Paulina Domdey diesen Teil ihrer Arbeit. „Wir müssen immer wieder darauf aufmerksam machen, dass es uns gibt. Denn es wäre sehr ungünstig, wenn wir unsere Forschungsteilnehmenden über die Jahre verlören, weil sie etwa nach einem Umzug oder einem Telefonnummernwechsel vergessen hätten, uns zu informieren“, sagt Katrin Potzel. „So versuchen wir immer wieder, auf uns aufmerksam zu machen, beispielsweise mit Dankeskarten zu Weihnachten oder anderen Anlässen.“  

Herausfordernd an Langzeitstudien sei außerdem die schiere Datenmenge, die es zu verarbeiten und aufzubewahren gilt. Damit einhergehend ist die Dokumentation ein wichtiger Aspekt. Wenn es zu einem Personalwechsel im Forschungsteam kommt – was bei einem Langzeitprojekt nicht unwahrscheinlich ist – muss sichergestellt sein, dass neue Mitarbeitende sich schnellstmöglich im Projekt und in den Datenmengen zurechtfinden, sodass die Forschung nahtlos weiterlaufen kann. 

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Projekt Connected Kids (ConKids) 

Buch: Sozialisation in einer sich wandelnden Medienumgebung 

Paulina Domdey 

Katrin Potzel 

Johanna Sebauer  

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BRC086 Finnischer Journalismus und seine Erforschung

Über die Herausforderungen und Entwicklungen des finnischen Journalismus sowie seine Erforschung berichtet die Journalismus-Forscherin Laura Ahva. 

Laura Ahva ist Juniorprofessorin für „Journalism Studies“ an der Universität Tampere und noch bis Ende 2023 Gastforscherin am HBI. Im Gespräch mit Bredow-Cast Gastgeberin Johanna Sebauer berichtet sie über die Charakteristika des finnischen Mediensystems, aktuelle Herausforderungen für den Journalismus und die Journalismusforschung.  

Das Mediensystem Finnlands sei dem sogenannten „nordischen Modell“ zuzuordnen, dem auch Dänemark, Norwegen, Schweden und Island angehören, sagt Laura Ahva. Dieses Mediensystem-Modell sei geprägt durch einen starken Zeitungsmarkt mit verhältnismäßig hohen Print-Auflagen, hohes Vertrauen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und einer engen Verbundenheit der Leserschaft zu lokalen und regionalen Medienhäusern. Digitalisierung und Datafizierung sieht Laura Ahva als die größten Umbrüche und Herausforderungen für den Journalismus in Finnland. 

Laura Ahva untersucht Entwicklungen des Journalismus nicht nur auf einer Makroebene, sondern auch auf der Individualebene: In einem ihrer aktuellen Forschungsprojekte begleitet sie 40 junge Journalist*innen über einen längeren Zeitraum mit dem Ziel, ihre Karrierewege vom Berufseinstieg an nachzuzeichnen.  

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 Laura Ahva 

Johanna Sebauer 

Leibniz-Institut für Medienforschung 

BRC085 Sicherheit für Kinder und Jugendliche im Netz

Welche Gefahren für Heranwachsende im Internet lauern und wie man dennoch Sicherheit herstellen könnte, berichten die Juristin Sünje Andresen und die Medienforscherin Kira Thiel im BredowCast. 

Die beiden Forscherinnen kommen aus unterschiedlichen Fachgebieten und genauso unterschiedlich blicken sie auch auf das Thema: Kira Thiel beschäftigt sich sozialwissenschaftlich damit, wie Heranwachsende im Netz agieren und wie sie mit negativen Erfahrungen umgehen. Sünje Andresen treibt die juristische Frage um, was das Recht an Werkzeugen bereithält, um eine möglichst gefahrenfreie Internet-Nutzung zu gewährleisten.  

Risiko im Netz? 

Cybermobbing und Hate Speech sind die häufigsten Risiken, denen Kinder und Jugendliche im Netz begegnen. Also verbale Angriffe im Klassenchat, während Online-Spielen oder für alle sichtbar in Sozialen Medien. Aber auch Cybergrooming (so nennt man die gezielte Manipulation Minderjähriger mit dem Ziel des sexuellen Missbrauchs via Online-Chat) stellt eine ernstzunehmende Gefahr dar. Wie soll diesen Gefahren begegnet werden?  

Kinder und Jugendliche einfach aus dem Internet fernzuhalten, wäre absolut nicht zielführend, sind sich die Forscherinnen einig. „Das Internet ist ein wichtiger Bestandteil im Leben junger Menschen. Sie kommunizieren dort mit Freund*innen oder holen sich wichtige Informationen. Man sollte Heranwachsenden dies nicht vorenthalten, sondern sie vielmehr befähigen, das Internet möglichst verantwortungsbewusst zu nutzen“, sagt Kira Thiel. 

Durch die UN-Kinderrechtskonvention seien wir als Gesellschaft außerdem dazu verpflichtet, Kindern die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen, sagt Sünje Andresen. Und dazu gehöre nun einmal die Nutzung des Internets. 

Interesse statt Kontrolle 

Als Eltern sollte man nicht jegliche Online-Kommunikation der Kinder überwachen, in der Hoffnung, sie auf diese Weise vor allen Risiken zu schützen. „Das funktioniert erstens nicht“, sagt Sünje Andresen. „Zweitens haben Kinder auch ein Recht auf Privatsphäre und private Kommunikation.“ Vielmehr müsse man die Internet-Nutzung an das Alter des Kindes anpassen. Je älter es wird, desto mehr müsse man ihm zutrauen und ihm die Teilhabe ermöglichen. 

Wichtig für Eltern sei laut Kira Thiel außerdem, die Bedürfnisse und Lebenswelten der eigenen Kinder ernst zu nehmen. Das bedeute auch, echtes Interesse an den Online-Aktivitäten der Kinder zu zeigen: Erzähl mal, welche Apps nutzt du gerne und warum? Was passiert da so? Man solle nicht mit erhobenem Zeigefinger und pessimistisch auf neue Medien blicken, sondern sich möglichst vorbehaltlos mit dem Kind auszutauschen. 

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Arbeitspapier 

 Sünje Andresen 

 Kira Thiel 

 Johanna Sebauer  

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BRC084 Denkwerkstatt als wissenschaftliche Methode

Irene Broer hat für ihr aktuelles Forschungsprojekt die Denkwerkstatt als Erhebungsmethode gewählt. Was die Vorteile dieses innovativen transfer-orientierten Formates sind, erklärt sie im BredowCast. 

Man müsse sich eine Denkwerkstatt als einen geschützten Raum vorstellen, in den Menschen eingeladen werden, um sich zu einem bestimmten Thema völlig frei zu äußern und gemeinsam mit anderen Ideen zu entwickeln, sagt Irene Broer, seit mehreren Jahren wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Instituts für Medienforschung. 

Für ihr aktuelles Projekt zur Rolle der öffentlich-rechtlichen Medien im gesellschaftlichen Zusammenhalt haben sie und ihre Kolleg*innen mehrere dieser Denkwerkstätten veranstaltet, um einen tiefen Einblick zu bekommen, was Menschen aus unterschiedlichen demographischen Gruppen über das Thema denken. 

Denkwerkstatt als Prozess 

Wichtig sei der Austausch von Meinungen. Dahingehend unterscheiden sich Denkwerkstätten von klassischen sozialwissenschaftlichen Methoden wie Befragungen oder teilnehmenden Beobachtungen. „Im Zusammenkommen von Perspektiven entsteht etwas ganz Neues“, sagt Irene Broer.  

Ein weiterer Unterschied zu anderen sozialwissenschaftlichen Methoden ist die aktive Teilnahme der Forschenden an der in der Denkwerkstatt entstehenden Debatte.  

Besonders empfehlenswert sie diese Art der Forschungsmethode für Fragestellungen, bei denen Forschung und Praxis zusammentreffen, und die nicht nur für die Forschung relevant sind, sondern innerhalb der Gesellschaft gerade hochaktuell sind. Oder aber für Fragestellungen zu Themen, bei denen es besonders konfliktreiche Debatten gibt. 

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Irene Broer 

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BRC083 Bessere Regeln für Zugang zu Plattformdaten?

Mit dem Digital Services Act der Europäischen Union müssen große Online-Plattformen künftig Zugänge für die Wissenschaft anbieten. Ein potenzieller Meilenstein für die Erforschung digitaler Phänomene. Die beiden Internetforscher Jan Rau und Vincent Hofmann erklären, was bei dem Gesetz berücksichtigt werden muss, damit es der Forschung optimal nützt.

Online-Plattformen sollen transparenter werden. Das ist eines der Ziele des Digital Services Act (DSA, Gesetz über digitale Dienste), des bislang ambitioniertesten EU-Rechtsakts der Plattformregulierung. Er wird ab Februar 2024 vollständig anwendbar sein und von der Forschung mit Spannung erwartet. Denn: Der DSA sieht als zentrale Maßnahme für Anbieter von sehr großen Online-Plattformen (monatlich 45 Mio. aktiver Nutzer*innen) die verpflichtende Einführung sogenannter „Forschungsdatenzugänge“ vor. Ein potenzieller Meilenstein für die Forschung zu zentralen Phänomenen im Kontext digitaler Medien – beispielsweise Desinformationen, gesellschaftliche Polarisierung oder auch dem digitalen Rechtsextremismus. 

Risikominimierung im demokratischen Sinne 

„Der Gesetzgeber geht davon aus, dass große Online-Plattformen bestimmte Risiken für die Demokratie bergen, die er mit stärkerer Regulierung minimieren will“, sagt der Jurist Vincent Hofmann. Mit „Risiken“ sind zum Beispiel die Verbreitung von rechtswidrigen Inhalten gemeint, digitale Gewalt, Gewalt gegen Minderheiten oder die Gefährdung von Kindern und Jugendlichen. „Hier setzt auch der Forschungsdatenzugang an. Alles, was Forschende mit Plattformdaten herausfinden wollen, muss sich auf diese Risiken beziehen, um sie auf lange Sicht besser verstehen und besser minimieren zu können.“  

Forschung mit Plattformdaten muss also auf ein bestimmtes, demokratisches Ziel einzahlen. Andere Forschungsvorhaben, wie zum Beispiel Marktforschung mit Daten aus Online-Plattformen, werden also nicht möglich sein. 

Meilenstein für die Forschung

Forschende erwarten die neue Regelung mit Spannung. „Vor allem in meinem Bereich, der Erforschung des digitalen Rechtsextremismus, könnte der DSA vieles verändern“, erzählt Jan Rau. „Bislang war es manchmal durchaus frustrierend als Forscher zu wissen, man könnte wahnsinnig interessante Forschungsfragen beantworten, wenn man bloß an die Daten käme. Die Daten waren ja immer schon da, man bekam sie nur nicht, weil die Plattformen nicht kooperierten.“  

Forschungsdatenzugänge, wie sie sein sollten

Damit die Forschungsdatenzugänge, wie sie der DSA vorschreibt, nicht zum Papiertiger verkommen, sondern sie der Forschung optimal nützen, müssen einige Dinge berücksichtigt werden. „Das fängt damit an, dass man einen Überblick darüber bekommen muss, welche Daten es überhaupt gibt“, sagt Jan Rau. „Hilfreich wäre ein öffentliches Repositorium, das auflistet, welche Daten erfolgreich abgefragt werden können und welche nicht. Außerdem sollte das Datenvolumen, das abgefragt werden kann, nicht oder nicht stark begrenzt sein. Was die abzufragenden Daten konkret betrifft, wäre es hilfreich, wenn wir Forscher*innen Einsicht bekämen in beispielsweise die Reichweite bestimmter Postings und,die Moderationsentscheidungen der Plattform. Wichtig zu wissen wäre auch, ob und wie die Plattform bestimmte Inhalte pusht und auf welcher Grundlage.“ 

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Vincent Hofmann 

Jan Rau 

Johanna Sebauer 

Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut